William Temple plädiert 1770 für Arbeitshäuser, in die Kinder
bereits im Alter von vier Jahren geschickt werden sollten: "Es ist
sehr nützlich, dass sie auf irgendwelche Art ständig beschäftigt
werden, wenigstens zwölf Stunden am Tag, ob sie nun damit ihren
Unterhalt verdienen oder nicht; denn wir hoffen, dass sich auf diese
Weise die heranwachsende Generation so sehr an die ständige
Beschäftigung gewöhnen wird, dass sie dies zuletzt als angenehm und
unterhaltend empfindet." (237)
So schickt man die Kinder anfangs in die Schule, nicht schon in der
Absicht, damit sie dort etwas lernen sollen, sondern damit sie sich
daran gewöhnen mögen, still zu sitzen, und pünktlich das zu
beobachten, was ihnen vorgeschrieben wird. (238)
In der Defensive geraten ist jene Vorstellung des Bildungsprozesses,
für welche die Zeitmuster des Wachses-Lassens, des sich
organisch-rhythmischen Entwickelns, des Pflegens und Behütens, des
Abwartens und des Erwartens zentral sind. Sie knüpft an den
Ursprungssinn von Schule, an das griechische scholé = Muße an. (191)
"Kinder und Uhren dürfen nicht ständig aufgezogen werden.
Man muss sie auch gehen lassen." (Jean Paul/187)
"Zum Heile für unsere heranwachsende Jugend hat die gütige
Natur ihr ein Sicherheitsventil gegeben, dessen Wert nicht hoch genug
gepriesen werden kann - das ist die Unaufmerksamkeit..." (Emil
Kraepelin/187)
Anlässlich der Firmung, jener katholischen Form des rituellen
Übergangs von der Kindheit zur Jugend, werden bevorzugt Uhren
verschenkt. Ein treffendes Symbol dafür, dass die Zeit der Kindheit zu
Ende ist und die Zeit der Uhr beginnt (149).
Kindheit ist nämlich jene Zeit, in der die Zeit nicht zählte, weil
man die Uhr noch nicht lesen konnte. (35)
In der Pädagogik greift der Situationsorientierte Ansatz
(A.Krenz) das Zeitbewußt-sein auf: "In der Gegenwart die
Vergangenheit bewältigen, um offen für die Zukunft zu sein." Das
Kind hat genügend Potentiale in sich, um eine ungewisse Zukunft zu
bewältigen. Da der Erwachsne auch nict weiß, wohin der ständige
wandel führt, ist es bedeutsam die Selbstkompetenz der kinder zu
stärken und möglichst wenig unverarbeitete Erlebnisse mitzuschleppen.
Der Situationsansatz glaubt, dass das "soziale
Lernen" die wichtigste Voraussetzung für die Zukunft der Kinder
ist und legt hier den pädagogischen Schwerpunkt. Das soziale
Miteinander ist und bleibt hier die herausragende Anforderung des
Lebens.
Der Lebensbezogene Ansatz (Huppertz) will Kinder möglichst
schnell an die Erwachsenwelt mit ihren derzeit gültigen Werten und
benötigten Fertigkeiten heranführen. Was heute bedeutend ist, wird
Morgen auch wichtig sein, oder zumindest nicht schaden.
Die Erlebnisorientierte-Ökologische Pädagogik (Lorenz /
Naujokat) lässt durch wenig vorgeplante Zeiten bewusst Raum für
"Selbstähnliches Verhalten" (Wiederholung von
Verhaltensmustern) um ohne Zeitdruck und Programm-Stress die eigenen
Verhaltensmuster mit andren Verhaltensformen vergleichen zu können und
neue Verhaltensformen in "Selbstorganisation" auszuprobieren.
Hier beginnt auch die Entfaltung der Kreativität, solange Zeit und Raum
dafür zur Verfügung stehen.