Uli
Lorenz: KiTa-aktuell 9-96
Besserwisser
sind „out“
Eine Weiterentwicklung von Kindertagesstätten ist nicht ohne eine
Weiterentwicklung der päda-
gogischen Mitarbeiterinnen (1) möglich. Weiterbildung ist deshalb
zunehmend Entwicklungsbegleitung von Mitarbeiterinnen und Einrichtungen...
Die Weiterbildung muss diese „Prozess- Qualität“ als ihre zentrale
Aufgabe erkennen, Impulse geben und Entwicklungsprozesse fördern. Die
Einbeziehung der Erfahrungen und Fähigkeiten der Teilnehmerinnen löst
die traditionelle „Belehrung“ ab und ermöglicht neue und kreative
Prozesse. Die nachfolgenden sieben Thesen verdeutlichen die Prozessqualität:
These
1:
„Voneinander lernen“ ist wichtigstes Qualitätsmerkmal
für Kindertagesstätten
(und der Weiterbildung)
Die
Zeiten, in denen Pädagogen und Pädagoginnen Kinder, Jugendliche und
Erwachsene in der utopischen Hoffnung belehrten, „zu wissen, was für
die ihnen anvertrauten Menschen das Beste ist“, gehen offensichtlich
ihrem Ende entgegen. Paulo Freire, der bedeutende Vertreter der „Pädagogik
der Unterdrückten“, erkannte es schon längst und formulierte das
wichtigste Qualitätskriterium für Pädagoginnen: „Ein
guter Pädagoge ist ein guter Lernender.“
Mit
linearem „wenn-dann-Denken“ und der Überzeugung „was für mich
gut war, ist für Dich schon lange richtig“, kann man in der heutigen
komplexen Gesellschaft allenfalls im Schulsystem noch eine Nische
finden. Erzieherinnen brauchen an ihren Kindern nicht mehr zu
„ziehen“, um die gewünschten Fertigkeiten zu trainieren, sondern
haben die schöne und anspruchsvolle Aufgabe, Entwicklungs-Begleiterinnen
für Kinder und deren individuellen Fähigkeiten zu sein. Die Human- und
Naturwissenschaft hat längst die System- und Chaostheorie sowie
laterales Denken entdeckt. Angesichts möglicher
Selbstorganisations-Prozesse unter Einbeziehung der individuellen
Potentiale, Fähigkeiten und Fertigkeiten aller Beteiligten ist die
Belehrung durch Besserwisser überholt. Kurzum: statt Besserwisser sind
Mitwisser gefragt, also Zeitgenossen, die Zeitzeichen erkennen und ihre
Erfahrungen und ihr Wissen zur Gestaltung von lebensfreundlichen
Bedingungen einbringen.
Bei
dem Besuch eines situationsorientierten Kindergartens konnte ich
erleben, dass die Fähigkeit der Selbstorganisation von Kindern weit
vorangeschritten ist und in Bezug auf Selbstorganisation manche
verkrustete Institutionen überholt hat. Kein Wunder, dass sich manche Pädagoginnen
und Lehrer mit dieser Entwicklung nicht leicht tun. Wer in linearen
Strukturen aufgewachsen ist und erzogen wurde, muss sich mit komplexen
Strukturen und vernetzten Systemen zweifellos erst einmal anfreunden.
Dies ist heute kein allzu großes Problem, da zahlreiche pädagogische
Ansätze zur Verfügung stehen. Die bekanntesten für die Elementarpädagogik
sind der Situationsansatz und die Reggio-Pädagogik. Für die Schulpädagogik
möchte ich „Erlebnis Mitwelt“ erwähnen, in der Erwachsenenbildung
orientieren wir uns am Lebensweltorientierten Ansatz.
Die
Vielfalt der Ansätze und die Verwirrung bei den Praktikern ist groß,
und es ist sicher eine wichtige Aufgabe von Fachberatung und
Weiterbildung, individuell die Kindertagesstätte und die Mitarbeiter-
innen zu beraten.
These
2:
Entwicklungsbegleitung für Kindertagesstätten
heißt zuallererst
Weiterbildung der Mitarbeiterinnen
Der
beschleunigte soziale und technische Wandel sowie neue gesellschaftliche
Krisenlagen und Sparzwänge sind eine Herausforderung für die
Kindertagesstätten und haben Konsequenzen für die Weiterbildung.
Moderne Theorien bestätigen die Aussage Platons: „Bestand hat nur der
Wandel“. In komplexen Strukturen hat die Anpassungs-Fähigkeit
eine zentralen Bedeutung und sie ist auch das Schlüsselelement der „ökologischen
Dimension“ in der modernen Sozialpädagogik. Anpassungsfähig sein
bedeutet, die eigene Identität zu wahren und dennoch sich veränderten
Mitwelt-Bedingungen anpassen zu können. Dies setzt konkret voraus, dass
eine Wahlmöglichkeit besteht. Ansonsten handelt es sich um Abhängigkeit
oder ein lineares „Angepasst-sein“ in hierarchischen und/oder
autoritären Strukturen. Hier finden wir genau den Knackpunkt zwischen
komplexen und linearen Systemen. Komplexe Kindertagesstätten werden zur
Erreichung optimaler Anpassungsprozesse die Kompetenzen, Potentiale und
Meinungen aller Beteiligten einbeziehen. Das beginnt beim gemeinsamen
Tun mit Kindern, setzt sich fort bei Entscheidungen über das pädagogische
Konzept oder die Einstellung neuer Mitarbeiterinnen im Team und bezieht
auch die Eltern mit ihren Erfahrungen, Wünschen und Ängsten mit ein.
Anpassungsprozesse
haben immer etwas mit „Öffnung“ zu tun. Öffnung macht Angst, wenn
ich mir noch nicht sicher bin, wo mein Standpunkt ist und was meine
Identität ausmacht. In diesem Spannungsbogen ist ein bedeutender
Ansatzpunkt für Weiterbildung und Qualitätsentwicklung zu finden, ohne
dass es fertige Rezepte geben kann. Unsere Stabsstelle „Personal- und
Strukturentwicklung“ sieht folgende fünf grundlegende Kompetenzen,
die durch Weiterbildung individuell bei den Teilnehmerinnen gefördert
werden sollen und komplexe Systeme ermöglichen:
Caritas Muenchen
These
3:
Weiterbildung qualifiziert Mitarbeiterinnen und die Kindertagesstätte
Der
Caritasverband München verwendet den Begriff „Fortbildung“ grundsätzlich
nicht mehr, da dieser Begriff sich zu sehr auf berufsspezifische
Kenntnisse und Fertigkeiten bezieht, während „Weiter- bildung“ auch
ganzheitliche Aspekte der Erwachsenenbildung einbezieht. Weiterbildung
hat zwei grundlegende Ziele:
1. Die Erreichung von Zielen der
Einrichtung und der Mitarbeiterinnen
2. Die Entwicklung der Einrichtung und
der Mitarbeiterinnen.
Die
Entwicklung der Einrichtung geschieht durch das Einbringen neuer
Erkenntnisse und Methoden, die Entwicklung der Mitarbeiterinnen durch
Impulse für die Entfaltung der fachlichen, persönlichen und religiösen
Qualitäten. Grundlage und Zielrichtung der Weiterbildung und der Arbeit
in den Kinder- tagesstätten ist dabei ein „kooperativer Führungs-
und Umgangsstil“ und ein partnerschaftliches Miteinander. So kann
Weiterbildung die Bereitschaft zur Überprüfung und gegebenenfalls
Korrektur der bestehenden Strukturen als Reaktion auf veränderte
Umweltbedingungen fördern. Darüber hinaus sollen die Einrichtungen
unterstützt werden, Entfaltungs- und Handlungsspielraum für
engagierte, kritische und mündige Mitarbeiterinnen zu schaffen. Nicht
zuletzt steigert Weiterbildung die Arbeits- zufriedenheit, indem
individuelle Fähigkeiten der Mitarbeiterinnen und berufliche Problemlösungen
entwickelt werden können.
Um
diese Ziele zu erreichen, ist es sinnvoll, die Auswahl von
Weiterbildungsangeboten im Team oder zumindest im Mitarbeiterinnen-Gespräch
mit der Leitung zu treffen, um unter Einbeziehung der Situation und der
persönlichen Interessen und Fähigkeiten ein optimales Angebot zu
finden und gleichzeitig Interesse bei den Kolleg/innen für die Thematik
zu wecken. Aber hier sind wir schon mitten im Qualitätskreiskreislauf
angekommen.
These
4:
Weiterbildung lebt von Qualitätsmerkmalen und Qualitätsproblemen
Weiterbildung
hat immer bestimmte Qualitätsmerkmale als Zielvorstellung, sowohl
seitens der Anbieter und Referent/innen als auch bei den
Teilnehmerinnen. Eine andere Frage ist, ob man sich dieser
Zielvorstellungen bewusst ist und ob sie auch transparent gemacht
werden. Wir haben auf Seminaren eine Sammlung solcher Zielvorstellungen
zusammengestellt und gemeinsam mit der Fachberatung erweitert, um eine
Diskussionsgrundlage für Qualitätsmerkmale in Kindertagesstätten zu
bekommen.
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Qualitätsmerkmale
von Kindertagesstätten
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I.
Bewusste Trägerschaft
*Offenlegung der Organisations-
struktur und Entscheidungswege
*Gemeinsames Entwickeln einer
Einrichtungsidentität (Konzept)
mit Leitung und Team
*Delegieren von Zuständigkeiten
und Verantwortung
*Informationen weitergeben
*Kooperation
*Regelmäßiges Dienstgespräch
mit der Leitung
*Teilnahme an Elternabenden
*Regelmäßige Teilnahme an
Elternbeiratssitzungen
II. Klare
Leitung
*Qualifikation (Weiterbildung) als
Voraussetzung für Leitung
*Transparente Organisation
*Motivierende Mitarbeiterführung
*An-/ Erkennen, Fördern, und Ein-
beziehen der Kompetenzen und
Fähigkeiten von MitarbeiterInnen
*Transparenz der Entscheidungs-
wege und -prozesse
*Kritik- und Fördergespräche
*Delegieren von Zuständigkeiten
und Verantwortung
*Informationen weitergeben
|
*Beurteilungsgespräche
*Weiterbildungsplanung (Für wen
ist was sinnvoll?)
*Ermöglichen und Fördern von
Teamarbeit
*Anleitung von neuem Personal
III.
Zusammenarbeit im Team
*Gemeinsames Erstellen der aktu-
ellen Themen
*Klärung, ob Entscheidungs- oder
Beratungsprozesse gefragt sind
*Gemeinsame Planung / Reflexion
*Engagiertes Einbringen der eige-
nen Kompetenzen und Fähigkeiten
*Offenheit und Vertrauen fördern
*Bereitschaft, sich mit „unangeneh-
men Themen“ zu befassen.
IV. Pädagogische Arbeit mit Kin-
dern
*Kinder (Menschen-)rechte achten
*Subjektorientieres Arbeiten
*Raum für die Entfaltung von Fähig-
keiten hat Vorrang vor dem Einüben von Fertigkeiten
*kein starres Programm (Flexibilität)
*Gestaltungsmöglichkeiten f. Kinder
*Störungsfreie pädagogische Zeiten (z.B. Anrufbeantworter)
|
V.
Organisationsrahmen mitge-
stalten
Raumgestaltung und Planung bei Bauvorhaben, Gartengestaltung
VI. Zusammenarbeit mit Eltern
*Austausch von Beobachtungen mit
Eltern und im Team
*Bedarfsorientierte Öffnungszeiten
*Aktive Elternarbeit (Ressourcen
einbeziehen)
*Zusammenarbeit mit Kita-Beirat
*Hospitation der Eltern ermöglichen
*Begleitung der Eltern von Kindern
in Integrationsgruppen
VII. Transparenz
und Vernetzung
*Transparenz der organisatorischen
Regelungen (Aufnahmekriterien
Anmeldung, Gebühren)
*Konzept: Darstellen von Werten,
pädagogischer Ansatz, Standpunkt
* Darstellen der
Arbeit: - Selbstpräsentation
*Öffentlichkeitsarbeit (Medien)
*Vernetzung mit Kindertagesstätten,
Beratungsstellen, Frühförderung,
Ärzten, etc.
*Austausch mit benachbarten
Kindertageseinrichtungen und im
Leiterinnenkreis
|
Gleichzeitig
sind mir bei unserer Zielgruppe Qualitätsfragen und Problempunkte
aufgefallen:
ð Der erste Problempunkt liegt in der
qualifizierten Ausbildung zur Leitung. Obwohl ein sehr hohes Interesse
bei den Leiterinnen deutlich wird, mussten wir die oft „großen
Leiterinnenkurse“ absagen. Ursache war, dass viele Träger nicht
bereit sind, die Kosten zumindest zur Hälfte zu übernehmen. Wichtige
Qualifikationen wie Betriebsführung, Mitarbeiterführung, Marketing,
Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit und Konzeptentwicklung kommen aber
auch nicht über Nacht und von selbst. Ohne diese Fertigkeiten ist die
Gefahr der Überlastung sehr groß, was den Überblick einschränkt,
aber auch Delegation, Motivation und Austausch beeinträchtigt. Durch
Qualitätsmanagement, Kundenorientierung, neue Gesetze und
Bildungspläne hat sich die Komplexität noch weiter erhöht.
(Wir bieten seit 1997 einen Leiterinnenkurs im Baustein- system an, um
dieser Problemlage entgegen zu wirken. Mittlerweile wird dies Ausbildung
Bayernweit von den Caritasverbänden angeboten.)
ð Der zweite Problempunkt ergibt sich
unmittelbar aus dem ersten, da eine Erleichterung erst durch
qualifizierte Selbstorganisationsprozesse in Teamarbeit möglich sind.
Die Zusammenarbeit in einer Kindertagesstätte ist noch lange keine
Teamarbeit, wie aus den oben aufgeführten Qualitätsmerk- malen zu
ersehen ist. Erst wenn unter den Mitarbeiterinnen eine Öffnung gelingt,
und verschiedene Meinungen, fachliche Einschätzungen und Ängste ebenso
Platz finden wie die verschiedenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, kann
ein Team entstehen. Das Team als Ganzes ist immer mehr, als die Summe
seiner Teile. Das bedeutet, dass echte Teamarbeit immer mehr
Entwicklungsmöglich- keiten für die Einrichtung und das Personal
bietet, als es in der Summe von Einzelarbeit möglich wäre.
ð Der dritte Problempunkt liegt in der
Identität des Teams und somit auch der Kindertagesstätte. Wenn es
gelingt, sich über Werte, Ziele und pädagogische Ansätze
auszutauschen und einen Konsens, eine gemeinsame Grundlage zu finden,
dann ist der Schritt auch nicht mehr allzu groß, diese Grundlagen
transparent zu machen und in einem Konzept darzustellen. Dies gibt
Sicherheit und ermöglicht ein klares Profil, so dass auch die
Kooperation und Vernetzung mit anderen Einrichtungen keine Gefahr für
die eigene Identität darstellt. Durch die Öffnung, Vernetzung und
Kooperation kann sich die Souveränität von pädagogischen
Mitarbeiterinnen voll entfalten und die Qualität der Arbeit ebenso fördern
wie die Lust zu arbeiten.
Nun
einfach mehr Seminare zu Leiterinnenweiterbildung, Teamarbeit und
Vernetzung anzubieten, löst das Problem noch lange nicht. Wir alle
betrachten unsere Arbeit ja nicht nur aus der „Metaebene“, sondern
sind ganz konkret darin verstrickt und manchmal auch gefangen. Deshalb muss
immer die konkrete Situation genau betrachtet werden, um erste Schritte
für eine Weiterentwicklung einzuleiten. Aktuelle Stolpersteine, also
Probleme, die einen im Moment beschäftigen, müssen vorrangig
angegangen werden, um den Blick für den Gesamtbereich der Kindertagesstätte
zu weiten. Deshalb ist es notwendig, einerseits die pädagogischen
Mitarbeiterinnen in die Planung mit einzubeziehen und andererseits die
konkrete Situation vor Ort zu berücksichtigen. In den Seminaren spielen
Impulse von Referenten und aus der Theorie ebenso eine Rolle wie der
Austausch unter den verschiedenen Mitarbeiterinnen und deren eigenen
Ziele, Interessen und Potentiale. Diese drei Komponenten sind für die
Weiterbildung meiner Überzeugung nach gleichwertig und sollten sich die
Waage halten.
These
5:
„Öffnung“
und Vernetzung beginnt bei der Weiterbildung
Beispiel: FORUM `97
Um die Potentiale der Mitarbeiterinnen in Kindertagesstätten
anzusprechen und eine Entwicklungsbegleitung für ihre konkrete
Situation zu ermöglichen, müssen sie also auch in die Planung aktiv
einbezogen werden. Hier gibt es verschiedene Formen und Möglichkeiten.
Ich möchte anhand einer Grafik aufzeigen, wie wir dies im
Caritasverband München handhaben:
Vernetzte
Planung von Weiterbildungsangeboten
|
Fachkreise
|
Institut
für Bildung und Entwicklung |
Kita-Mitarbeiterinnen
|
*
Vertreterinnen der Leiterinnenkreise, die auch Kinderpflegerinnen und
Erzieherinnen ohne Leitungsfunktion sein können.
Durch
die enge Kooperation ist beispielsweise auch deutlich geworden, dass der
Situationsorientierte Ansatz für viele Mitarbeiterinnen in
Kindertagesstätten viel zu komplex und „uferlos“ erschien, um ihn
im Alltag einzubeziehen. So entwickelten wir in Zusammenarbeit mit
Leiterinnen, die bereits nach diesem Ansatz arbeiten, Workshopangebote
und Hospitationskurse, um diese Hemmschwelle zu senken. Mittlerweile
besteht eine große Nachfrage für die Theorie, und dieser Ansatz ist
mit viel Erfolg Jahresschwerpunkt in unserem Kursprogramm.
Es
entstand aber auch eine Eigendynamik, indem die Fachberatung, die
Berufsfachschule für Kinderpflegerinnen und die Fachakademie für
Sozialpädagogik sich an der Diskussion beteiligten und in
Zusammenarbeit mit uns als Weiterbildner und dem Leiterinnenkreis das
FORUM`97 ins Leben riefen. Grundgedanke dabei ist, dass Öffnung,
Kooperation und Vernetzung nicht nur Inhalte von Seminaren sind, sondern
diese Grundsätze auch konkret und exemplarisch in der
Weiterbildungspraxis umgesetzt werden. Für das Projekt haben wir die Räumlichkeiten
der Stiftungsfachhochschule für Sozialpädagogik in München angemietet
.
These
6:
Qualität heißt immer auch Parteilichkeit
In
meiner Tätigkeit als Weiterbildungsreferent bin ich zur Überzeugung
gekommen, dass zur Professionalität in der Sozialpädagogik unbedingt
die Parteilichkeit gehört. Ich meine nicht Ideologie, bei der ausschließlich
ein bestimmter Ansatz für alle Zielgruppen der beste ist. Mit
Parteilichkeit meine ich vielmehr, einen fachlichen Standpunkt zu
entwickeln, diesen transparent zu machen und dafür einzutreten. Nur so
können fruchtbare Auseinandersetzungen entstehen, bei denen ich ebenso
dazulernen kann wie meine Gesprächspartner und Seminarteilnehmer.
Aber
auch der Anstellungsträger hat bestimmte Zielsetzungen und bekommt
durch Transparenz und Parteilichkeit ein Profil. Bei der Caritas sollte
das christliche Menschenbild im Vordergrund stehen. Das beinhaltet für
Kindertagesstätten einen hohen Anspruch: Das Kind ist Ebenbild Gottes,
ein Subjekt, gleichwertig mit dem Erwachsenen, wenngleich mit anderen Fähigkeiten
und Qualitäten ausgestattet. „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die
Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“. Dieser
Satz aus dem Evangelium (Mt 18,1-5) sagt ganz klar aus, dass wir von
Kindern wesentliche Dinge lernen können. Spontanität, das Leben im
Augenblick, Staunen können und Gefühle zeigen sind nur ein paar
Beispiele dafür. Natürlich müssen Kinder auch von uns lebenswichtige
Dinge lernen, um in der Gemeinschaft und in unserer Kultur zurecht zu
kommen. Im Mittelpunkt einer christlichen Pädagogik muss aber meiner Überzeugung
nach das Kind als Subjekt stehen, das echte Interesse an seinen Fähigkeiten,
Hoffnungen und Ängsten, und das „voneinander Lernen“.
Eine
christliche Pädagogik erweist sich erst im konkreten Handeln: Das echte
Interesse am Kind und seiner Lebenswirklichkeit, die bedingungslose
positive Zuwendung und ein „heilendes Milieu“ als
Gemeinschaftserlebnis sind hierbei wichtige Merkmale. Dieser Pädagogik
kommt der Situations-orientierte Ansatz sehr nahe. Deshalb verwundert es
nicht, dass bei der Suche nach pädagogischen Werten und Standpunkten
die Idee des Weiterbildungs-FORUM zu diesem Ansatz entstanden ist.
Wir schreiben „Situations-orientiert“ bewusst mit Bindestrich, da
sich nach längerer Auseinandersetzung zwar ein weitgehender Konsens über
die Ziele und Möglichkeiten in der pädagogischen Praxis abzeichnet,
bezüglich der Theorie aber verschiedene Argumente für den
Situationsansatz und den Situationsorientierten Ansatz sprechen und ihre
Berechtigung haben.
These
7:
Kunden sind Partner - in der Weiterbildung und in
Kindertagestätten
Wenn
wir parteilich für eine Pädagogik eintreten, in der das „voneinander
Lernen“ im Vordergrund steht und die sich an der Lebenswirklichkeit
der Kinder orientiert, dann muss sich dies natürlich auch in unseren
Weiterbildungsangeboten wiederspiegeln.
Bei
der Auswahl der Referenten versuchen wir, darauf zu achten, dass neben
ihren fachlichen Impulsen die konkrete Situation vor Ort und die
Erfahrungen und Kompetenzen der Teilnehmerinnen einbezogen werden. Eine
gewissenhafte Kursauswertung mittels Fragebögen findet statt, um diese
Qualität zu sichern und zu verbessern. Auch bei der Themenwahl beziehen
wir die Mitarbeiterinnen in Kindertagestätten aktiv ein. Als gute Form
hat sich das Treffen der Weiterbildungsbeauftragten bewährt, die von
den verschiedenen Leiterinnenkreisen entsandt werden können.
„Der
Kunde ist Partner“ bedeutet aber auch, dass wir uns von den
Seminarteilnehmerinnen erwarten, dass sie ihre Erfahrung und
Fachlichkeit, ihre Fragen und Probleme und ihre Kritik aktiv einbringen.
Auf der pädagogischen Fachebene kann dieses „voneinander Lernen“
der Theorie und Praxis wesentlich dazu beitragen, eine lebensfreundliche
Mit-Welt zu gestalten und qualifizierte Entwicklungsbegleitung
anzubieten.
Das
„voneinander Lernen“ zwischen Mitarbeiterinnen in Kindertagesstätten
und den Eltern kann darüber hinaus sicherstellen, dass eine
lebensweltorientierte und situationsorientierte pädagogische Arbeit zu
einem echten Orientierungspunkt im Leben der Kinder, der Familien und in
der Gesellschaft wird. Um dies zu fördern, beziehen wir auch Eltern in
das FORUM `97 und zunehmend auch in Seminare mit ein.
Uli Lorenz arbeitet als Weiterbildungsreferent
für Kindertagesstätten
im Institut für Bildung und Entwicklung des
Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising e.V.
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