Folgende Beiträge finden Sie nachstehend:
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Stärkung der
Identitätsentwicklung durch Naturerfahrung
- Naturerfahrung eröffnet neue pädagogische Chancen
- Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung
- Mit-Welt-Beziehung
- Der Mensch als "animal sybolicum"
Stärkung der
Identitätsentwicklung
Stärkung der Identitätsentwicklung
durch Naturerfahrung
© Uli
Lorenz, 2000
Identität ist die im Verlauf und Wandel der Zeit erlebte
Einzigartigkeit einer Person. Diese Einzigartigkeit kann rückblickend
auf den eigenen Lebensweg und vergleichend mit anderen Menschen jeder
bei sich selbst und anderen Menschen erkennen. Die Mitmenschen können
meine unverwechselbare Persönlichkeit entdecken und so vertrauensvoll
mit mir eine Beziehung knüpfen, in der Hoffnung, dass sie sich auf mich
in bestimmten Persönlich- keitseigenschaften verlassen können.
Identität und Orientierung sind eng miteinander verbunden.
Identität hilft mir einerseits wie eine Kompassnadel in mir meinen Weg
zu finden und wirkt andererseits wie ein Magnet auf andere Menschen,
für die meine Persönlichkeitsmerkmale bereichernd für ihr Leben sind.
Die Wirkung der Persönlichkeit, der Ausstrahlung und des Ausdrucks
eines Menschen findet mehr oder weniger Resonanz bei Mitmenschen und ist
bedeutend für die Beziehungsfähigkeit und die Bildung von
Freundschaften und Gruppen.
Interessanter Weise scheint es so gesehen auch eine Identität der
Natur zu geben, die trotz sich wandelnder Bedingungen ihr Wesen bewahrt
und uns Orientierung bietet. Anfang März, wenn der Winter
erfahrungsgemäß langsam zu Ende geht und die Sonne wieder so viel
Kraft hat, dass der Schnee nicht mehr lange liegen bleibt, warten wir
ungeduldig auf die ersten Frühlingsboten unter den Blumen und Vögeln,
freuen wir uns auf das junge Grün der Bäume und träumen schon von
saftigen Wiesen und dem Sommer, wenn wir im See schwimmen können. Wir
können uns auch darauf verlassen, dass es trotz oft ungewünschter
Wetterverhältnisse genug Sonnenschein und Regen für den Fortbestand
des Lebens geben wird. Wir wissen, dass nach einer Nacht wieder die
Sonne den Tag erhellt und jeder noch so schlimme Regenschauer irgendwann
wieder aufhören wird. Und auch hier ist die Resonanz wichtig für die
Fortpflanzung des Lebens, wenn Blüten, Düfte und Laute bestimmte
Lebewesen anziehen.
Der Mensch ist ein lebendes System in der Natur, das durch Bildung
von Identität und Sinn die hohe Komplexität der Umwelt verarbeiten
kann. Im Grunde erneuert der Mensch jeden Tag seine Sicht der Welt und
auch sich selbst. Nach sieben Jahren haben sich biologisch die Zellen
jedes Menschen völlig erneuert, ohne dass wir dabei unser Wesen und
unsere Identität ver- lieren. Hervorzuheben ist aber auch die Fähigkeit
selbst in chaotischen Zusammenhängen durch Selbstorganisation Ordnung
zu schaffen. Das gilt für den Menschen ebenso, wie für die Natur
insgesamt.
Der Mensch organisiert diese Ordnung beispielsweise durch Werte,
Gesetze und Religion. In der Natur verknüpfen sich verschiedene
Lebensarten zu hoch komplexen Kreisläufen von Raubtier-Beute-Mustern
und Symbiosen und schaf-fen somit trotz großer periodischer Schwankungen
eine stabile Ordnung. Die Naturvölker und auch frühe Hochkulturen
personifizierten diese Form von Selbstorganisation als Götter und
schrieben ihnen so eine Identität zu.
Das Selbstbewusstsein, dass der menschlichen Identität zu Grunde
liegt, hat sich in der Evolution aus der Körper-Bewusstheit entwickelt.
Die Menschenaffen als unsere Vorläufer haben über das Klettern, dass
für sie wesentlich anspruchsvoller und heikler zu erlernen war als für
kleine Tiere, das Selbst-Bewusstsein entwickelt. Wenn
Bewegungsstereotype nicht mehr ausreichen, entwickelt sich
Selbst-Bewusstsein als ein neuartiges psychologisches System, das
Freiheit und Flexibilität möglich macht. Somit hat das Herumtollen und
Klettern bei Kindern nicht nur eine körperliche sondern auch eine
psychische Auswirkung auf die Entwicklung. Bewusstsein begann mit dem
Empfindungsvermögen für Lust und Schmerz. Darüber hinaus ist das
Bewusstsein verbunden mit Empfindungen von "angenehm" und
"unangenehm", mit Bedürfnissen und entsprechenden
Aktivitäten.
Wenn wir Kinder also aus den wohltemperierten und gut ausgestatteten
Räumen herausgehen und uns auf die Natur einlassen, wird die
Entwicklung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Identität geradezu
herausgelockt. Die Herausforderung steigt mit der Vielseitigkeit der
Umgebung, der Wechsel- haftigkeit des Wetters und dem, von
Aufsichtspflichtigen zugestandenen Freiraum.
Die Natur lehrt uns also, dass Sinn und Identität nicht nur durch
Gedanken- konstruktion entsteht, und schon gar nicht durch kulturelle
Techniken, sondern durch die Gangbarkeit eines Weges der sich in einem
Verhaltensspielraum und durch spielerischen Umgang mit kleinen
Abweichungen und zufälligen Impulsen, als "passend" erweist.
Diese Ausformung von Lebenstauglichkeit nennt man auch
"Viabilität".
Die Entwicklung von Identität bei Kindern kann ebenso spielerisch
vor sich gehen, wenn genügend Freiraum und Toleranz für Verhaltens-
und Wertalter- nativen vorhanden sind. Gerade Kinder beobachten
unterschiedliche Verhaltensweisen sehr genau und versuchen dieses
Verhaltensspektrum im Spiel auszuprobieren, um passende Alternativen und
neue Möglichkeiten für sich selbst zu finden. Es handelt sich dabei um
einen spielerischen Anpassungsprozeß von eigenen Erfahrungen, Werten
und Verhaltensmustern mit den Erwartungen, Normen und Werten der
Umgebung des Kindes. Sehr häufig unterliegen Kinder aber auch einem
Anpassungsdruck, der diesem Hinspüren in stimmige Formen des eigenen
Empfindens und Ausdrucks keinen Raum lässt und sie zur
"Unterwerfung" zwingt, die meist aus Angst vor Strafen oder
Missachtung geschieht. Hierbei wird Kindern der notwendige Freiraum für
ihre Entwicklung entzogen. Oft scheint diese Form der Anpassung für
Erwachsene zunächst die einfachere Lösung zu sein, aber die Würde und
Einzigartigkeit des Kindes als gleichberechtigter Erdbewohner und als
Geschöpf Gottes findet nicht die nötige Achtung.
Wie problematisch bis gefährlich es ist, vorschnell in die
natürliche Entwick- lungs-Prozesse einzugreifen, zeigen auch jene
Eingriffe des Menschen in die Natur, die zu ökologischen Katastrophen
und Spätfolgen geführt haben, da der Mensch die komplexen und
langfristigen Zusammenhänge nicht überdacht hat und auch nicht über
blicken kann.
So hat auch eine bundesweite Studie von Wolfgang Tietze 1998 gezeigt,
dass die Qualität in Kindertagesstätten am höchsten ist, je weniger
die Kinder durch die Erzieherinnen ständig beaufsichtigt werden (Kinder
also unbeaufsichtigte Nischen und Freiräume haben) und je mehr
Vorbereitungszeit die pädagogischen Mitarbeiterinnen haben. Professor
Pfeiffer sorgte im Frühjahr 1999 mit seiner These für Aufsehen, dass
die starken rechtsradikalen Tendenzen in der ostdeutschen Jugend auf die
"problematische Kleinkinddressur" und Unterdrückung der
Individualität in vielen Kindertagesstätten der ehemaligen DDR
zurückzuführen sei, mit der einseitigen Ausrichtung auf Disziplin,
Sauberkeit, Ordnung und Einordnung in die Gruppe. Diese Kinder konnten
ihre Identität nicht genügend entfalten und neigen zum Mitläufertum
und zu erhöhter Gewalttätigkeit als Gruppe.
Für die Entwicklung von Identität ist aber nicht nur Freiraum,
sondern auch das Erleben von Grenzen notwendig, die mit den eigenen und
allgemein anerkannten Werten auf Sinn und Unsinn untersucht und
verändert werden können. Sinnentleerte und starre Grenzen schaden der
Identitätsentwicklung ebenso wie das Verhinderungs-Argument "das
war schon immer so".
Es ist nicht nur wichtig sinnvolle Grenzen zu erfahren, sondern es
ist ebenso bedeutsam, dass Kinder sich selbst abgrenzen können, eine
Grenze ziehen zwischen dem was sie wollen und was nicht, zwischen sich
und dem Mit-Menschen. Diese bedeutsame Entwicklung geschieht im
Kindergartenalter und äußert sich auch in der Sprache und den
Zeichnungen der Kinder, wenn sie einen "Ich-Kreis" zu malen
beginnen, der oftmals als Kopf eines "Kopffüßlers"
bezeichnet wird. Der Kreis schließt aber die ganze Persönlichkeit des
Kindes mit ein und die davon ausgehenden Linien sind Bewegungs- und
Kontaktlinien zur Mitwelt. Der authentische Ausdruck des Kindes im
Malen, Singen, Forschen und Spielen unterstützt die
Identitätsentwicklung und sollte nicht durch voreiliges Antrainieren
von Fertigkeiten unterbunden werden, die zur rechten Zeit ohnehin von
alleine ausgebildet werden. Gott sei Dank sind Kinder keine Maschinen
und entwickeln sich nicht nach vorgegebenen Bauplänen, sondern
individuell in einem Bereich etwas schneller und in einem anderen
Bereich etwas langsamer. Glücklicherweise gibt es auch für behinderte
Kinder und für Kinder, die einzelne Fähigkeiten in ihrem Umfeld nicht
altersentsprechend entfalten konnten, qualifizierte
Fördermöglichkeiten.
Identitätsförderung braucht insbesondere eine gute Portion
Gelassenheit und Vertrauen in die Schöpfung, dass Kinder durchaus einen
sehr sinnvollen, natürlichen und über Jahrtausende bewährten
Entwicklungsprozess durchleben. Erwachsene sollten Kindern diesen
natürlichen Zeitraum lassen und zugestehen. Wer in sich eine Heimat
gefunden hat und sich gut abgrenzen kann, kann auch Kontakt aufnehmen,
über den eigenen Rand hinausschauen und neue Herausforderungen und
Abenteuer suchen... und dabei spielerisch kennen lernen und auswählen,
was Bedeutsam ist und somit der weiteren Entwicklung dient.
Unsere Identität kann man mit einem Kreis um uns vergleichen, der
unterscheiden hilft, was zu mir gehört und was für mich Umwelt ist,
und auch unterscheidet, welche Anregungen, Energien und Informationen
aus der Umwelt ich aufnehme und welche ich aussondere. So hilft uns
Identität die Vielfalt der Umwelt zu verarbeiten und unseren
individuellen Lebensweg zu gestalten und zu finden. Natürlich werden
wir durch unsere Umwelt mit geprägt und entwickeln eine
Gruppenidentität in der Familie, in Kindergarten- und Schulgruppen, im
Freundeskreis und am Arbeitsplatz, in Vereinen und in der Gesellschaft
als Bewohner einer Stadt und eines Landes. Sie kann aber die
individuelle Identität nicht ersetzen.
"Identität ist immer auch eine Balance zwischen dem was ich
will, und dem, was andere von mir wollen". Dieser Balanceakt
zwischen eigenen Bedürfnissen und fremden Erwartungen, Selbstwert und
gesellschaftlichen Werten, zwischen Normen und eigenen Interessen lässt
die besondere pädagogische Herausforderung bei der Unterstützung der
Identitätsentwicklung erahnen und setzt sich das ganze Leben zwischen
den Polen der Anpassung und Mündigkeit fort. Zwischen diesen Polen sind
Freiheit und Eigenzeit, also dem eigenen Rhythmus und Zeiterleben, eine
wichtige pädagogische Grundlage für die Entfaltung der
Persönlichkeit, der Identität und der Identifikation mit Werten,
Gruppen und Regeln.
Wenn der Tagesablauf in Kindertagesstätten nur noch in klaren
Zeiträumen getaktete Routine ist, mit vorgeplantem Programm, steht die
Anpassung erdrückend im Vordergrund und erstickt die pädagogische
Entwicklungsbegleitung von Kindern.
Naturerfahrung
eröffnet neue pädagogische Chancen
© Uli
Lorenz, 2000
Auf den ersten Blick könnte man meinen, der Trend "hin zur
Natur" sei eine neue Modeerscheinung oder Spinnerei, von dem nun
auch die Kindertagesstätten erfasst sind.
Bei genauerer Betrachtung erkennt man jedoch schnell eine
qualitätsvolle Entwicklung der pädagogischen Angebote in der Natur.
Sie geht vieler Orts einher mit einer kontinuierlichen Entwicklung von
der Öffnung nach innen durch gruppenübergreifende Projekte und
Spielbereiche, einer klaren Profilierung durch Konzeptentwicklung und
Qualitätsziele, und schreitet fort in eine gezielte Öffnung nach
außen. Dies geschieht durch Vernetzung in der Gemeinde ebenso wie durch
Naturerfahrung, darüber hinaus durch das Einbinden von Ressourcen,
beispielsweise von Fähigkeiten der Eltern, Fachwissen von Förstern,
Gärtnern, Vereinen und der bestehenden Infrastruktur.
Nicht nur die Wissenschaft hat das Recht von der Natur abzugucken
(Bionik) und natürliche Kräfte und Prozesse für sich zu nützen, auch
in der Pädagogik ist es nur weise, diese Energien für natürlichen
Entwicklungsprozesse für Menschen und Gruppen zu nützen: z.B. den
natürlichen Rhythmus von Jahreszeiten, Tageszeiten und biologischen
Vorgängen in uns Menschen; natürliche Energiereize durch Farben und
Formen, Gerüche und Töne, die im Menschen eine andere Resonanz und
Befindlichkeit anrühren, als Verkehrslärm, digitalisierte Musik oder
Computerspiele.
Die Vielfalt, der Freiraum und die Gestaltungsmöglichkeiten in der
Natur sprechen die Sinne ganzheitlich an, fordern die Phantasie und
Kreativität heraus und fördern ein ständiges und spielerisches
Entwickeln neuer Fähigkeiten beim Menschen.
Mittlerweile hat sich ein breites Spektrum pädagogischer
Naturaktivitäten herausgebildet, mit einem qualifizierten Netzwerk zur
Unterstützung, Informations-Vermittlung und für den
Erfahrungsaustausch. Auch im Weiterbildungsbereich sind durch
Kooperation neue Formen entstanden z.B. die Bausteine zur
Ökologisch-Systemischen Kompetenz (ÖKO-SYS©). In den
Kindertagesstätten haben sich, neben naturnahen Spielflächen und
Biotopen im Garten, Angebote entwickelt wie wöchentliche Wald- oder
Naturtage, Waldprojekte in allen vier Jahreszeiten, sowie eigenständige
bzw. in einer Kindertagesstätte integrierte Waldkindergärten und
Freilandgruppen.
Durch Naturerfahrung können deutliche Verbesserungen beobachtet
werden, besonders im Verhalten "auffälliger" Kinder, in der
Entwicklung basaler Sinne und bedeutender Grundfähigkeiten für die
psychische Stabilität, sowie der Konzentrations- und Lernfähigkeit und
der motorischen Entwicklung. Aber auch das Nachdenken über den
Schöpfer und die Verantwortung für die Schöpfung werden durch
Naturerfahrungen herausgefordert und fördern sinnerfüllte
Lebenshaltungen, die sowohl in den engen Räumen der Kindertagesstätte
als auch im scheinbar unbegrenzten Internet oder der immer noch
einseitig kognitiv ausgerichteten Schule nur schwer zu vermitteln sind.
Die Bedeutung der Natur für die psychische Entwicklung
Zitate aus Ulrich
Gebhard: "Kind und Natur", Westdeutscher Verlag, 2001
© Uli Lorenz, 2001
In einem 3-dimensionalen Persönlichkeitsmodell ist... "der
Mensch als Teil und Gegenüber der Natur untrennbar mit all diesen
nichtmenschlichen Objekten verbunden" (S.16).
"Die Natur entwickelt unsere Fähigkeiten und unsere Kräfte;
die Menschen lehren uns den Gebrauch dieser Fähigkeiten und Kräfte.
Die Dinge aber erziehen uns durch die Erfahrung die wir mit Ihnen machen
und durch die Anschauung". (Rosseau, 1978)
Die Fähigkeit, Natur erleben zu können gehört zum "seelischen
Existenzminimum" des Menschen (Busemann // S.80). Der junge Mensch
braucht seinesgleichen, nämlich Tiere, überhaupt Elementares, Wasser,
Dreck, Gebüsch, Spielraum. Man kann ihn auch ohne das alles aufwachsen
lassen, mit Teppichen, Stofftieren oder asphaltierten Straßen und
Höfen. Er überlebt es - doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er
später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr erlernt, z.B. ein
Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und Initiative. Je weniger
Freizügigkeit, je weniger Anschauung der Natur mit ihren biologischen
Prozessen, je weniger Kontaktanregung zur Befriedigung der Neugier,
desto weniger kann ein Mensch seine seelischen Fähigkeiten entfalten
und mit seinem inneren Triebgeschehen umzugehen lernen (Mitscherlich //
S.81f.)
Kinder schätzen an der Natur vor allem die Abwechslung, die
Möglichkeit nach immer wieder neuen Aktivitäten... die ganz
urtümlichen Dinge einer elementaren Welt: Bäume, Gebüsch, hohes Gras,
Wiese, Blumen, Garten, Bach, Sumpf, Waldrand, dichter Wald, verwildertes
Land (S.82f.). Die Auseinandersetzung mit der Natur ist meist eher
sanft, ein experimentieren und erforschen (S.84).
Insgesamt liegt der Wert der Natur wesentlich darin, dass Kinder hier
ein relativ hohes Maß an Freizügigkeit haben, zugleich relativ
aufgehoben sind und zudem Bedürfnissen nach "Wildnis" und
Abenteuer nachgehen können. (S.97)
Fehlt diese Freiheit, kommt es zur seelischen Verkümmerungen (S.83)
In zahlreichen Untersuchungen zur Kleinkindentwicklung wird die
Bedeutung einer möglichst vielfältigen Reizumgebung hervorgehoben.
Eine relativ naturnahe Umgebung fördert den Wechsel von Spannung und
Lösung, nimmt eine Mittelstellung zwischen neu und vertraut ein, da
sowohl verlässliche Kontinuität als auch ständiger Wandel besteht.
Eine solche "reizvolle" Umgebung lädt zur Erkundung ein, weil
sie neu und interessant ist und eben zugleich vertraut (S.86).
Stimulierende Erlebnisqualitäten der Natur (nach Sebba // S.87):
- Gleichzeitige Vielfalt von Reizen (wechselnder Wind, Gerüche,
Farben)
- Kontinuierlicher Wechsel von Reizen (Spektrum von hell zu dunkel,
nass zu
trocken, warm und kalt...)
- Instabilität und Zerbrechlichkeit erfordern Wachsamkeit und
Aufmerksamkeit
- Kontakt zu Lebendigem
- Unendliche Verschiedenartigkeit (regt die Phantasie an).
Der kath. Kindergarten Neubeuern hat für seine Waldprojekt-Wochen
folgende Ziele formuliert:
- Ursprüngliche Neugierde an der Natur zulassen und mit den Kindern
gemeinsam entdecken und erleben
- Ganzheitliche Wahrnehmung fördern
- Kraft schöpfen
- Neue Verhaltens-Spielräume ermöglichen
- Entfaltungsräume für natürliche Bewegung
- Ehrfurcht vor der Schöpfung
- Eigene Identität als Naturwesen wiederentdecken
- Entdeckung neuer Rollen und Fähigkeiten bei Kindern und
Erwachsenen
- Die Chancen des Gartens und der Natur als Erlebnisraum in die
Kindergartenarbeit einbeziehen.
Bei Besuchen von Waldkindergärten und bei Gesprächen mit den
pädagogischen Mitarbeiterinnen fällt besonders auf, dass eine
vielseitige Bewegung des Körpers und die Phantasie sehr stark
herausgefordert werden und insbesondere im Verhalten auffällige und
überaktive Kinder im Wald offensichtlich mehr Entwicklungsraum finden.
Im Wald neu erlernte Fähigkeiten, Verhaltensformen und neue Kontakte
wirken sich auch in den Kindergarten positiv aus.
Bei der Untersuchung von "creativ thinkers" wurde deutlich,
dass diese eine besondere Naturnähe im Alter von ca. 5-12 Jahren hatten
(Cobb // S.88).
Mit-Welt-Beziehung
Die Ökologische Psychologie versucht Person und Umwelt in eine
systematische Beziehung zu setzen. Mensch und Umwelt sind also in dieser
Perspektive gewissermaßen "Entwicklungspartner" (Wolf 1995 //
S.17).
Der Mensch steht in einer dialektischen (in Gegensätzen
denkenden) Spannung zu seiner Umgebung, er interagiert mit ihr,
formt sie und wird von ihr geformt (Ittelson // S.17).
Das Kind "passt sich seiner Umwelt nicht einfach an, sondern
macht sie sich zu eigen, das heißt, es eignet sie sich an"
(Leontjev // S.18).
Im Empfinden erleben wir uns in und mit unserer Welt. Die Beziehung
des Ich auf seine Welt ist im Empfinden eine Weise des Verbunden-Seins
(Straus // S.19).
Die Repräsentierung von äußeren Objekten im inneren seelischen
Geschehen ist nur als ein aktiver, symbolischer Konstruktionsprozess zu
verstehen (S.18).
Das heißt, jeder konstruiert sich seine eigene Welt und wesentliche
Bausteine dafür sind die Erlebnisse mit der belebten und
unbelebten Natur.
Die Umwelt wirkt sich übrigens meistens auf einer nicht-bewussten
Ebene aus. Erst bei Änderungen der Umwelt wird diese wieder bewusst
wahrgenommen, weil neue Anpassungsprozesse nötig werden (S.19).
Gesundheit, Fähigkeiten und die Natur beachten wir erst, wenn sie
eingeschränkt werden. Wir sind zu sehr wir mit ihnen verwoben - wie der
Fisch im Wasser - als dass wir sie ständig wahrnehmen könnten, und
verlieren schließlich ganz den Blick dafür, bis uns ein Fehlen die
grundlegende Bedeutung bewusst macht.
Ozeanisches Erleben: Ursprünglich enthält das Ich alles,
später scheidet es eine Außenwelt von sich ab. Unser heutiges
Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest eines weit
umfassenderen, ja - eines allumfassenden Gefühls, welches einer
innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt entsprach (Freud //
S.22).
In ÖKO-SYS Seminaren kann durch ein ausgewogenes Verhältnis der
Triaden (Triharmonie) ein Einklang-Erlebnis entstehen, dass viele
Gemeinsamkeiten mit dem ozeanischen Erleben der Kinder und mystischen
Erfahrungen hat.
Ein wichtiger Effekt der subjektiven Einheit von Ich und Welt ist,
dass die Dinge der äußeren Welt im Lichte der emotionalen Bedürfnisse
des Kindes gesehen werden (Egomorphismus, S.24). Animismus nennt
man das Phänomen, dass das kleine Kind noch nicht zwischen sich selbst
und der Umgebung unterscheiden kann. Diese relative Einheit wird durch
geistige und gefühlsmäßige Lernprozesse mit der Zeit aufgehoben.
Dieser Prozess beginnt sehr früh zwischen dem 2. und 5. Lebensmonat,
und ist darüber hinaus eine lebenslange Lernaufgabe (S.24ff.)
Searles ist der Meinung, dass sich in der menschlichen Ontogenese (Entwicklungsgeschichte
des Einzelwesens) seine Phylogenese (Entwicklungsgeschichte des
Stammes) wiederholt (S.27). In vielen Schöpfungsmythen waren die
Grenzen von Menschen und nichtmenschlicher Umwelt fließend: Menschen
konnten in Steine, Bäume oder Tiere verwandelt werden, und umgekehrt (wie
auch in den Märchen).
Das Kind projiziert eigene psychische Anteile auf die Dinge und lernt
sich selbst und auch die Dinge dabei kennen (S.60). Mit dem
Schuleintritt geht das magische Denken zurück, wenngleich doch neue
Schlupfwinkel in der Seele gefunden werden (S.63).
Der Ursprung der psychischen Entwicklung wird als eine Subjektive
Einheit auch mit den Dingen der Welt aufgefasst, bis Ich und Welt
zunehmend getrennt werden.
Wenn das Kind und auch der Erwachsene die Welt der Objekte sich
gegenüberstellen, bleiben sie doch auch immer mit ihnen verbunden. Eine
grundlegende Verwandtschaft bleibt bestehen (Searles//S.29).
Es ist anstrengend, ständig Ich und die Welt getrennt halten zu
müssen. "Rückschritte" können durchaus entlastend und
erholsam sein und werden als Quelle des Wohlbefindens durchaus in der
Gestaltung von Erholungsgebieten (und "Urlaubsparadiesen") genutzt.
In dem paradoxen Bereich im Übergang der inneren und äußeren
Realität in der der Mensch ausruhen darf von der lebenslangen Aufgabe
der Trennung spielen "Übergangsobjekte" wie Teddybären,
Kissen und Haustiere (aber auch Totemfiguren, Talisman, Steine und
Handschmeichler, vielleicht sogar alle Dinge unserer Sammelleidenschaft)
eine wichtige Rolle (vgl.Winnicott // S.30).
Ich vermute sogar, dass kulturelle Errungenschaften, die eine
Zerstörung der Mit-Welt mit sich bringen vorallem von Menschen erdacht
werden, die zwischen Ich und der natürlichen Umwelt die Trennung weiter
verdichtet haben zur Spaltung, und keinen gefühlsmäßigen Zugang mehr
zur natürlichen Umwelt finden.
Im Gegensatz dazu haben Kinder in Waldprojekten und Naturkindergarten
eine faszinierende innere Verbindung zu Steinen, Wurzeln, Stecken,
Pflanzen und Tieren und sind in der Lage sich darin eine unbegrenzte
Phantasiewelt zu erschließen.
Sie konstruieren sich dabei ihre Welt genauso wie kulturell
angepasste Erwachsene mit ihrer Vorstellung von "Realität".
Der Unterschied liegt nur darin, dass die Kinder durch ihre Naturnähe
weit mehr Anpassungsvielfalt, Phantasie und Kreativität als Potential
zur Verfügung haben und sich bewahren.
Während z.B. Schiffbrüchige Mitmenschen relativ lange entbehren
können, hat das Fehlen der gegenständlichen bzw. nichtmenschlichen
Umwelt verheerendere Auswirkungen (S.28). Die nichtmenschliche Umwelt
bietet auch dem Erwachsenen eine zentrale emotionale Orientierung, eine
feste Insel angesichts der ständig wechselnden Umstände des täglichen
Lebens. Das Gefühl der Verwandtheit mit der nichtmenschlichen Umwelt
ermöglicht die eigene menschliche Individualität (S.30).
Der Mensch als "animal sybolicum"
Alle Formen menschlicher Weltwahrnehmung
sind Akte symbolischer Sinngebung.
(Ernst Cassirer)
Unter "Symbolischer Form" wird jene Energie des Geistes
verstanden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes
sinnliches Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeeignet
wird.
Zwischen dem "Merknetz" und dem "Wirknetz"
finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das "Symbolnetz".
Diese Leistung verwandelt sein gesamtes Dasein. Er lebt nicht nur in
einem physikalischen sondern auch in einem symbolischen Universum (Sinnkonstruktion).
Zwischen Ich und Welt, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Innen
und Außen gibt es einen dritten Bereich, der vermittelnd Kontakt
herstellt (S.32f.).
Es sind nie die Dinge der Welt, die unmittelbar zu uns sprechen,
stets sind es unsere metaphorischen Deutungsmuster, welche die
Welt auf eine menschliche Weise zu verstehen suchen. "Nicht die
Dinge selbst beunruhigen den Menschen, sondern die Meinung über die
Dinge" (Epiktet).
Unsere "Wahrheiten" sind Illusionen, von denen wir
vergessen haben, dass sie welche sind. So ist unsere Wahrnehmung ein
Spiegelbild unserer Seele und unserer Erfahrungen. Wir wählen aus den
unzähligen Eindrücken stets dass aus, was Resonanz in uns findet, was
wir schon kennen oder dem wir schon einen Symbolgehalt verliehen haben.
Das Symbol ist Ausdruck einer Erfahrung, in der Regel einer vergessenen
oder verdrängten Erfahrung. So wird z.B. bei einer Phobie das
eigentliche Angstobjekt durch ein zufällig anderes Objekt symbolisch
ersetzt (Psychoanalyse//S.36f.).
Die äußere Welt wirkt gleichsam als ein Metaphernvorrat, der in
Symbolisierungs-prozessen ein Selbstverständnis des Menschen
ermöglicht (S.34). Symbole haben die Funktion, Sinnstrukturen zu
konstruieren. Es gibt einen Zusammenhang von psychischer Gesundheit und
dem Reichtum an symbolischen Bildern (Buchholz // S.35) Symbol ist ein
Anzeichen von Bewußtheit, während bei der Verdrängung Symbole aus der
Kommunikation ausgeschlossen werden und Klischees entstehen (Lorenzer //
S.37). Klischees sind Ausdruck von Verdrängtem und ihre Bildkraft
verdunkelt und verschleiert (S.38). So kann auch Natur als Klischee
für Schmutz und Gefahr stehen, oder etwas differenzierter z.B. eine
Verbindung von Natur und Regen.
Der hochkomplexe Zusammenhang natürlicher Vorgänge auf unserer Erde
und in unserem Universum wirken auf unsere beschränkte Wahrnehmung zu
chaotisch und angstmachend. Es ist daher ein konkretes Bedürfnis,
die "Lesbarkeit der Welt" zu ermöglichen, also die Welt und
die Natur mit Bedeutung und Sinn zu sehen. Dies ist die Grundlage für
Religion, Kultur und Wissenschaft (S.35), die auf ihre Weise
Sinnstrukturen anbieten und Ordnung im Chaos erkennen und konstruieren.
Kinder nutzen auf symbolischer Weise Elemente der nichtmenschlichen
Umwelt, um sich einerseits von der Komplexität der menschlichen
Beziehung zu entlasten und auch, um die menschliche Beziehung zu
strukturieren.
Die äußere Natur beeinflußt immer auch die innere, psychische
Natur des Menschen und umgekehrt. Die Art und Qualität der Natur bzw.
unserer Naturerfahrung wird wesentlich unsere psychische Befindlichkeit
beeinflussen (S.43). Wenn wir unser Verhältnis zur Natur reflektieren,
reflektieren wir immer auch uns selbst (S.47).
Kant meint, dass durch die Versenkung in die Natur, die moralische
Entwicklung des Menschen gefördert werde (S.48).
Freud beschreibt, dass die persönliche Erfahrung mit sich und der
Welt verallgemeinert und auf die uns begegnende Umwelt ausgedehnt wird.
Strukturverhältnisse der eigenen Psyche werden in die Außenwelt
verlagert (S:57).
Natur ist genauso ein Teil des Selbst, wie das Selbst
ein Teil der Natur ist.
Natur ist für den Menschen bedeutsam, weil wir selbst
ein Teil der Natur sind, und weil unsere Beziehung zur natürlichen Umgebung
einen Teil unseres Selbst ausmacht (Schäfer // S.43).
Das Subjekt kennt sich in dem Moment am wenigsten, wenn es am meisten
auf sich selbst zentriert ist (Piaget // S.58).
Aus Erfahrungen und Wissen
entwickelt sich mit der Zeit
ein Bewusstsein für Wechselwirkungen
und daraus ein Gefühl von Zugehörigkeit
zum Netzwerk des Lebens,
denn der Planet Erde
ist eine Schule für die Seele.
Guy Murchie
(entdeckt bei einer Ausstellung des
Gemeinde-Kindergartens Haag/Obb.)
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