Projektarbeit
in der (Elementar-) Pädagogik
© Uli Lorenz, 2000
Vorbereitung auf eine komplexe Welt
Der Motor des bewegten,
sozialen Lebens wird von Wissenschaftlern mit der
Formel K3
beschrieben: Kommunikation,
Kooperation und Kreativität. – Ein Individuum benötigt Arten der
Kommunikation, beispielsweise das Gespräch mit anderen und die Medien,
wie Bücher, Internet etc., um sich mit Wissen zu befüllen. Es bedarf
der Kooperation der Individuen, um Projekte zu verwirklichen, die ein
einzelnes nicht bewältigen könnte. Und letztlich hängen die
Beweglichkeit und die Beschleunigung gesellschaftlichen Wandels von der
Vielfalt individueller Einzigartigkeit und Kreativität ab. Kreativität
ist kein gesellschaftlicher, sozialer Aspekt, sondern ein individueller,
ein unteilbarer. Kreativität eines Menschen wird bedingt durch seine
gedanklichen Fähigkeiten, vielfältige Lösungen für vielfältige
Probleme zu entwickeln. Für jede Gesellschaft ist es notwendig, diese
drei Ks Kindern vorzuleben, zu
vermitteln und ihnen von Klein an zu ermöglichen. Eine hervorragende Möglichkeit
dies zu tun, ist die Projektarbeit in der Elementarpädagogik.
Mit
Projektarbeit wird das Handeln mehrdimensional. Es bereitet die
Beteiligten auf eine sich ständig verändernde Gesellschaft vor, in der
es gilt, seine Interessen, Ziele und Fähigkeiten
einzubringen (Kommunikation), sich mit
Gleichgesinnten zu vernetzen (Kooperation) um gute Lebensbedingungen
und neue Arbeitsformen zu gestalten
(Kreativität). Projektarbeit ist keine neue Mode, sondern eine
ausgereifte Methode. Neu ist nur die durch gesellschaftliche
Entwicklungen entstandene Notwendigkeit für komplexes Lernen.
Das
Neue an Projektarbeit in der ElementarpÄdagogik ist, dass Kinder und
Kleinkinder in die Projektarbeit eingeführt werden und als
gleichwertige Projekt-Mitglieder die Ziele und die Durchführung des
Projekts mitbestim- men. Das behaupten zwar viele Kindertagesstätten
und pädagogische Ansätze von sich, in der Praxis entpuppen sich aber
die meisten Projekte als Projekte von pädagogischen Mitarbeiterinnen
und Eltern für Kinder. Oft werden die Kinder nicht einmal gefragt und
manchmal sogar regelrecht vorgeführt, um Wünsche oder
Kindheits-Vorstellungen von Erwachsenen zu erfüllen.
Es
macht einen sehr bedeutenden pädagogischen Unterschied, ob Projekte von
Kindern, mit Kindern oder für Kinder durchgeführt werden.
-
Projekte von Kindern
sind Formen der Selbstorganisation von
Kindern in Projektgruppen, die von pädagogischen Mitarbeiterinnen
begleitet und unterstützt werden.
Entscheidungen über die Themenwahl,
Zielsetzung und Umsetzung gehen von den Kindern aus.
Die pädagogischen Fachkräfte ermöglichen den Kindern
insbesondere Zeit und Raum für das Projekt und unterstützen die
Kinder, wenn Unterstützung angefragt wird – indem weitere Möglichkeiten
gemeinsam entwickelt werden.
-
Projekte mit Kindern sind
Projekte, bei denen die Entwicklungsförderung von Kindern im
Vordergrund steht. Hier ist
die Beobachtung der Kinder eine zentrale Aufgabe. Noch nicht entfaltete
Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen durch diese Form der Projektarbeit
Raum zur Entwicklung bekommen und Verhaltensformen,
die für das Kind und die Mit-Welt zu Problemen führen, sollen durch
alternative Verhaltensmöglichkeiten erweitert werden, um die
Sozialkompetenz zu stärken. Es gilt zentrale Lebensthemen (Herzensthemen)
der Kinder zu erkennen und durch Projekte einen guten und heilsamen
Verhaltens-Spielraum und ein interessantes Lernfeld zu ermöglichen. Die
Kinder werden zu Ko-Konstrukteuren ihrer Entwicklung.
Beispiele und Grundlagen werden im zweiten Teil dieses Buches
vorgestellt.
-
Projekte für Kinder
sind meiner Ansicht nach nicht
notwendig, oft sogar entwicklungshemmend,
aber leider weit verbreitet. Erwachsene
denken sich „etwas Schönes“ aus, mit dem sie Kinder beglücken
wollen. In aller Regel werden die Kinder nicht gefragt, ob sie das
Projektziel auch wirklich wünschen und nicht selten mit Zwang oder
Druck verpflichtet auch gegen ihren Willen mitzuwirken. Eine Beschämung oder Unterdrückung von Kindern, um
„tolle“ Vorführungen an Sommerfesten, Jubiläumsfeiern oder religiösen
Festen durchzuziehen, halte ich für eine pädagogische Katastrophe. Wir
werden uns in diesem Buch nicht weiter damit befassen.
Wenn
man die Forschungen über die Selbsterneuerung und Selbstorganisation
von Menschen (Autopoiese) beachtet, wird deutlich, dass Kinder in selbst
entwickelten Projekten ihre eigenen
Lebensthemen einbringen
und das zunächst noch unmöglich erscheinende Neue verwirklichen können.
Dies geschieht durch Einbinden von Ressourcen der Gruppe, des
Gemeinwesens und aus Natur und Kultur. Dabei entfalten die Kinder selbst
neue Fähigkeiten. Dieses „Spiel
der Selbständigkeit“ ermuntert
auch die Umwelt zu erkunden und eigene Potentiale zu entdecken. Kinder
in Projektgruppen schaffen sich selbst neue und für sie bessere
Umwelten und darüber hinaus neue Lernerlebnisse für die pädagogischen
Begleiter.
Bei
der Projektarbeit haben sich Grund-Bausteine herauskristallisiert:
-
Alle Projektgruppen-Mitglieder bestimmen das Ziel mit
-
Die Teilnahme ist grundsätzlich freiwillig, aber
verbindlich
-
Es werden eigene Ressourcen und Ressourcen von außen
einbezogen
-
Unterstützungs-Gruppen
dürfen nicht die Ziele manipulieren oder ändern
-
Das Ziel kann sich im Laufe des Projekts verändern, wenn
die Projektgruppe damit einverstanden ist
-
Das Ende sollte immer mit einem passenden Fest gestaltet
werden
-
Das Projekt-Ende ist oft ein Anfang für ein neues Projekt
Auch können demokratische sowie die Werte der katholischen Soziallehre
(die zwar sehr „abgehoben“ klingen, aber sehr tief greifend wirken)
insbesondere in der Projektarbeit gut verwirklicht werden:
-
Mitbestimmung:
Die freie und gleichberechtigte Willensbildung und Mitgestaltung von
Projektphasen. Kinder können lernen das Verhalten anderer Menschen und
den Sinn von Regeln zu hinterfragen und zu diskutieren, und neue Vorschläge
zu entwickeln. Im Grunde ist es schon Projektarbeit, wenn alle
Beteiligten über ihre Ziele (Wünsche, Hoffnungen) ins Gespräch kommen
und gemeinsam ein Ziel für sich als Gruppe finden und unter
Einbeziehung der vielfältigen Ideen umsetzen können. Natürlich nicht
von heute auf morgen und zunächst versuchsweise... eben als Projekt.
-
Subsidiarität,
die Stärkung der Selbstkompetenz. Eine „höhere“ Ebene übernimmt
nur jene Aufgaben, welche die „untere“ Ebene nicht alleine übernehmen
kann. Was Kinder können, machen nicht die päd. Mitarbeiterinnen und
Eltern (z.B. Bastelarbeiten, Ausflugziele bestimmen, Ideen für das
Sommerfest...), was eine Gruppe kann, macht nicht die Leitung oder der
Träger...
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Personalität,
die Entfaltung der eigenen, einzigartigen und unverwechselbaren Persönlichkeit
erfordert von den pädagogischen Fachkräften eine professionelle pädagogische
Grundhaltung: Jeder Mensch wird bedingungslos positiv angenommen. Jeder
Mensch und jedes Kind ist einzigartig und hat besondere Fähigkeiten,
Fertigkeiten, Lebenserfahrungen und Wissen, welche für ihn und die
Gruppe eine wertvolle Ressource sind. Das Verhalten des Menschen ist
durch bestimmte Lebenserfahrungen geprägt und kann durch neue
Erfahrungen und Begegnungen weiterentwickelt werden.
-
Solidarität:
Neben der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit hat jeder Mensch die Möglichkeit
und die Verantwortung für das Gemeinwohl zu sorgen. Dies wird
verwirklicht, indem man sich achtet und voneinander lernt, und indem man
andere Menschen bei Problemen, in persönlichen Krisen und
Notsituationen unterstützt, Mitgefühl zeigt und Hilfe anbietet.
Die
hauptamtlichen Mitarbeiter in Kindertagesstätten haben darüber hinaus
die Aufgabe, die Würde und Menschenrechte der Kinder zu achten und zu
schützen und Vertreter für die Interessen
und Bedürfnisse der Kinder zu sein, wo
die Kinder selbst dies nicht tun können, um ein „heilendes Milieu“
für die Entwicklung der Kinder zu fördern.
Gerade in christlichen Einrichtungen sollte das Kind immer im
Mittelpunkt der pädagogischen Interessen und organisatorischer
Entscheidungen stehen. Die Balance zwischen Mündigkeit und Anpassungsfähigkeit
ist in Subjekt- orientierten Ansätzen eine bedeutende pädagogische
Aufgabe, die viel Selbstorganisation durch die Kinder, Beobachtung durch
die pädagogischen Mitarbeiterinnen und gezielte pädagogische
Entwicklungsimpulse erfordert. Diese Herausforderungen können gerade in
der Projektarbeit hervorragend eingebunden werden.
Förderung
bedeutet hier, dass Kinder wichtige Fähigkeiten noch nicht leben können
und deshalb eine intensive Beobachtung und eine einfühlsame Begleitung
zu den Projektthemen erforderlich ist, damit durch das Projekt neue Fähigkeiten
entfaltet werden können. Die Übergänge sind meist fließend.
Ich
habe in vielen Seminaren Kinderpflegerinnen, Erzieherinnen und
Leiterinnen kennen gelernt, die auf faszinierende Weise ihre Persönlichkeit
und eine großartige Pädagogik in die Kindertagesstätte einbringen und
von ihnen viel über die Öffnung der Kindertagestätte und die
Selbstbestimmung von Kindern in der Projektarbeit gelernt. Einiges davon
wird in dem Buch dargestellt, dass derzeit von der "Projektgruppe
Bildung" erarbeitet wird.
Projekte
werden der Vielfalt in einer Gruppe und der Komplexität der Mit-Welt
deutlich mehr gerecht, da sie Kreativität
und Einfallsreichtum ermöglichen,
gelebte Fähigkeiten und Kontakte einbinden, neue Fähigkeiten und
Vernetzungen herausfordern und alternative, stimmige Lebensformen ermöglichen.
Darüber hinaus gilt es, Unterstützung von außen (Eltern, Pfarrer,
Geschwister, Geschäftsbesitzer, und notfalls auch der Feuerwehr) zu
organisieren und zu nutzen, ohne sich dabei die eigenen Ziele aus der
Hand nehmen zu lassen...
Die
frühere Formel der Evolution „Survival of the fittest“ bedeutet
nicht, dass der Stärkere sich durchsetzt (lange Zeit wurde durch einen
Übersetzungsfehler „fittest“ fälschlich mit „Stärksten“ übersetzt),
sondern dass diejenigen Systeme (z. B. Gruppen, Einrichtungen
und Personen) die besten Entwicklungschancen haben, die ihre
Eigenart am stimmigsten in die Mit-Welt einbringen
und dadurch sowohl die Person als auch das System (z. B. die
Gruppe) einen optimalen Gewinn hat. Und gerade Kinder haben noch viele
natürliche Fähigkeiten, die Gewinn bringend für die Entwicklung des
Gemeinwohls eingebunden werden können.
Das
„lebenslange Lernen“, das allerorts für das neue Jahrtausend
prophezeit und gefordert wird, beginnt bereits, wenn Erzieherinnen immer
wieder bereit sind, von den Kindern zu lernen, setzt sich über einen
qualifizierten Austausch im Team fort und wird durch gezielte
Weiterbildung unterstützt. Genau betrachtet ist das „lebenslange
Lernen“ ein Projekt jedes Einzelnen für die eigene Zukunft: Die
Projektgruppe hierfür besteht aus der Familie, Freunden, Kollegen und
dem Arbeits-Team. Nur mit einer guten Abstimmung der Ziele und einen für
beide Seiten optimalen Austausch von Ressourcen (z.B. Fähigkeiten,
Talente, Erfahrungen, Beziehungen) wird es möglich sein komplexe
Herausforderungen der Gesellschaft und der Arbeitswelt auf elegante und
sinnvolle Weise zu bewältigen. Das Leben und die Arbeit darf Sinn und
Spaß machen.
II. Phasen und Formen
der Selbstorganisation
Nicht mit jeder Vorstellung von „ErzieherInnen“
und „Kindern“, nicht mit jedem Erziehungskonzept kann Projektarbeit
erfolgreich durchgeführt werden. Eine bestimmte Einstellung gegenüber
den Kindern und sich selbst ist unerlässlich. Erzieher, die ehemals
Kinder anleiteten, ihnen Vorgaben machten, müssen ihre Vorstellung von
ihrer Erziehungsarbeit ändern: Im Vorfeld der Projektarbeit regen sie
gewollt oder zufällig das Projekt an oder greifen Projektideen der
Kinder auf. Während der Projektarbeit werden sie zu den Instrumenten
der Kinder, die Wissen und Logistik bereitstellen, um das Zusammenspiel
des Orchesters zu ermöglichen. Nur die Bereitschaft sich aus der
dominanten, anleitenden Funktion des Erziehers zurückzuziehen, schafft
den Kindern genug Raum, sich selbst Wege durch die Welt zu bahnen.
Oft werden innere Kämpfe werden offenbar, weil Erzieherinnen, die
gerade mit Projektarbeit anfingen, sich dabei ertappten, den Kindern zu
viel oder zu früh Impulse gegeben zu haben.
Andere erzählen von Projekten, die bereits auf einer breiten Erfahrungs-
grundlage entstanden. Der innere Kampf, sich bewusst zurückzunehmen,
ist dort beinahe schon vergessen. Anleiterinnen gibt es in diesen Beiträgen
nicht mehr, sondern nur noch Begleiterinnen.
In
manchen Kindergärten tritt die Anleiterin fast vollkommen in den
Hintergrund; sie verschwindet nahezu aus ihrem von ihr bereitgestellten
Milieu. Die großen Kinder planen, gestalten, leiten, halten zusammen,
organisieren Zeiten und Räume. Die letzte Domäne der Erzieherin als
Begleiterin scheint sich verflüchtigt zu haben (aber natürlich sind
die Erzieherinnen als fachliche Beobachterinnen für die
Entwicklungsbegleitung des Kindes nach wie vor sehr bedeutsam). Es präsentieren
sich motivierte, sehr erfahrene, auch autoritäre Projektarbeiter, die
sich ihre Wege eigenständig suchen und selbst bewusst Probleme lösen.
Kurzum ein reizvoller Ausblick, wohin gut eingeübte Projektarbeit führen
kann: in die Selbständigkeit.