Die wiederentdeckte Würde
des Kindes
Entwicklungsbegleitung in
Kindertagesstätten
©
Uli Lorenz,1997
Immer öfter fällt das Wort "Entwicklungsbegleitung" im
pädagogischen Sprachgebrauch von Kindergärten, Krippen und Horten und
ersetzt das gewohnte Wort der "Erziehung" in pädagogischen
Konzepten und Diskusionen. Bei genauem Hinhören und Nachdenken
erkennen wir an diesen Schlüsselworten schnell die Grundfrage der
heutigen Elementar- Pädagogik: Macht es heute noch Sinn, das Kind zu
einem von den Pädagogen und Erziehungsberechtigten vorgegebenen Ziel zu
(er-)ziehen, oder ist es nicht unsere Verantwortung, die Kinder in ihrer
individuellen Entwicklung zu begleiten, um sie für eine offene Zukunft
zu stärken und Ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Zukunft zu
gestalten?
"Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" könnte man die
Losung der traditionellen Erziehung nennen. Erzieher glaubten zu wissen,
was die Kinder im Leben brauchen, und erzogen sie nach diesen
Vorstellungen. Es scheint einen weit- gehenden Konsens darüber gegeben zu
haben und immer noch zu geben, was die wichtigsten Faktoren für das
Leben sind, quer durch Politik, Eltern- schafft und viele Erzieherinnen:
Die Schulnoten. Und so lernen schon im Kindergarten viele Kinder für
die Schule, und nicht für das Leben, trainieren Fertigkeiten anstatt
sich in ihrer individuellen Persönlichkeit zu entwickeln.
Ich arbeite als Weiterbildungsreferent für Kindertagesstätten bei
der Caritas in München und bin sehr froh, dass das christliches
Menschenbild Grundlage meiner Arbeit ist. Das bedeutet für mich in
einem Satz zusammengefasst: "Jeder Mensch ist einzigartig und
einmalig, und hat einen unermesslichen Wert, den er niemand durch
Leistung beweisen muss." Damit ist aber bereits der Graben zur
traditionellen Erziehung und zu vielen Eltern aufgetan, die eine
möglichst schnelle Anpassung der Kinder an das Schulsystem als
"das Beste" betrachten, was sie für die Kinder wollen und
tun, und die eigentliche Persönlichkeit des Kindes oft gar nicht mehr
wahrnehmen. Mit dieser Einstellung gelingt es auch schwer, sich an der
Individualität des Kindes zu erfreuen. Eine Fixierung auf die
Schulkarriere missachtet das Kind in seiner Einzigartig- keit.
Natürlich muss der erwachsene Mensch in einem Arbeitsverhältnis
für den Lohn bestimmte Leistungen erbringen und werden in der Schule
auch Leistungen erwartet. Wer aber den Menschen nur an diesen Leistungen
misst, übersieht das Wesentliche und verletzt seine Würde. Weil das
Kind ein Teil der Schöpfung ist, ist es gut. Es muss nicht verbessert
oder optimiert werden, braucht aber Raum und Begleitung, um sich zu ent-
wickeln. Wenn wir mit Kindern zu früh Fertigkeiten einüben um
erwünschte Leistungen zu ermöglichen, nehmen wir ihnen gleichzeitig
den Raum, sich und ihre Fähigkeiten zu entwickeln.
Entwicklungsbegleiter lassen dem Kind Raum, einen
Verhaltens- Spielraum, im dem das Kind seine Erlebnisse verarbeiten kann
und verschiedene Verhaltensweisen zur Bewältigung der unterschied- lichen
Lebenssituationen ausprobieren darf. Entwicklungsbegleiter zeigen
nicht wo es langgehen muss, sondern beobachten sehr sorgfältig das Kind
und sein Verhalten, bekräftigen es in den Fähigkeiten, die es erworben
hat und ermöglichen Rahmenbedingungen für die Entwicklung von
Fähigkeiten, die das Kind noch nicht leben kann. Dieses Beobachten
braucht pädagogische Profis, denn Fähigkeiten sind zunächst
unauffällig im Gegensatz zu eingeübten Fertigkeiten, die in der
traditionellen Erziehung gerne und stolz überall vorgeführt wurden,
egal ob es das Kind wünschte oder nicht. Immer wieder erlebte ich
Situationen, in denen Eltern und Erzieher gar nicht bemerkten, dass sie
die Kinder wie Äffchen vorführten.
Wenn Kinder die Pläne der Erwachsenen durchkreuzen, wird ihr
Verhalten allzu schnell als "auffällig" betrachtet.
Tatsächlich fehlt durch die Erwartung eines bestimmten Verhaltens- Musters den Kindern in den meisten Situationen nur der
Spielraum, um die angelegten Fähigkeiten für diese Situationen weiter
zu entfalten. Die gleichen Erwachsenen, die Kinder in
Vorhaltens-Schablonen zwängen wollen, fragen wenig später nach Kursen
der Kreativitäts-Entfaltung. Die sich natürlich entfaltende
Kreativität des Kindes, die durch trainieren von Fertigkeiten aberzogen
wird, soll nun als Fertigkeit wieder eintrainiert werden. In dieser
traditionellen Form der Erziehung spiegelt sich ein tiefes Misstrauen in
die Weisheit der Schöpfung und die Anlagen des Kindes. Wer das Kind
immer noch als Mängelwesen betrachtet, das zu einem vernünftigen
Erwachsenen erzogen werden muss, verletzt die Würde des Kindes und die
Ehre der Schöpfung.
Das für mich heute entscheidenste Qualitätsmerkmal eines
Kindergartens ist der Vorrang der Entwicklung von individuellen
Fähigkeiten vor dem Einüben von Fertigkeiten. Eine altersgemäße
Entwicklung von Fähigkeiten, in der die konkreten Erlebnisse der Kinder
ihren Platz und ihre Zeit haben, ermöglicht eine kreative Verhaltens- Vielfalt und führt ganz von alleine zur Ausformung von
Fertigkeiten, wenn auch nicht immer in der von den Erwachsenen geplanten
Reihenfolge und dem erwarteten Zeitpunkt. Diese Chance wird das Kind
sein ganzes Leben kaum mehr in dieser Qualität finden. Kinder, die
viele Fähigkeiten entwickelt haben, werden lebensfroh und
kontaktfreudig sich auch in der Schule zurechtfinden, weil sie
anpassungsfähig sind. Und hier zeigt sich auch der große
Unterschied zwischen anpassungsfähigen Kindern und angepassten Kindern.
Letztere mussten ihre Bedürfnisse und Interessen oft schon im
Kindergartenalter den Eltern und Erziehern unterordnen, bringen
eventuell einen kleinen Vorsprung an Fertigkeiten in die Schule mit, der
aber bald aufgezehrt ist, und lernen natürlich in der Schule erst Recht
nicht, eigene Bedürfnisse zu spüren und eigene Fähigkeiten zu
entfalten. Wenn bei manchen jungen Menschen dann die Suche nach
Individualität zur Sucht wird, waschen sich alle, die nur "das
Beste" für die Kinder wollten, ihre Hände in scheinbarer
Unschuld.
Eigentlich gefragt im Leben und vor allem in Krisensituationen, die
jeder Wandel mit sich bringt, sind anpassungsfähige Menschen. Dies hat
die Politik und Wirtschaft längst erkannt, sucht intensiv nach diesem
Personenkreis und fordert doch vom eigenen Nachwuchs, aller Weisheit zum
Trotz, die Anpassung.
Wir leben im Zeitalter der Systemtheorie. In dieser Übergangszeit
vom früheren Hierarchie- Denken zur Vernetzung werden diejenigen am
erfolgreichsten sein, die ihre Ängste vor neuen Qualitäten ablegen
können und bereit sind, von anpassungsfähigen Menschen
Vernetzungsprozesse zu lernen, sprich das eigene Verhalten nicht als
Maßstab für die ganze Welt zu nehmen, sondern sich offen umzusehen,
von wem man noch etwas Wertvolles lernen kann. Meiner Beobachtung nach
sind die besten Pädagogen jene, die immer wieder von den Kindern etwas
lernen.
Die Welt verändert sich zu rasant, als dass wir unseren Kindern
verlässliche Fertigkeiten lernen könnten, die sie als Mitgift ins
Leben benötigen. Ich habe mich beispielsweise viele Schuljahre mit dem
Rechenschieber herumgeärgert, der dann im letzten Schuljahr durch einen
Taschenrechner auch bei Prüfungen ersetzt wurde. Die besten und
bewunderten Rechenschieberkünstler, die aus ihrem Zauberstab
mathematische Untiefen erkennen und lösen konnten, waren nun mit ihren
Fertigkeiten überflüssig. Cé la vie! - So ist heute die Welt! Mein
Computerhändler erkennt kaum mehr das Innenleben meines 2 Jahre alten
Rechners und meine mühevoll gelernten Fertigkeiten sind für die neue
Software weitgehend überflüssig.
Da wir nicht wissen, was auf uns und unsere Kinder in 5, 10 oder 20
Jahren zukommt, können wir sie "nur" in ihrer Persönlichkeit
und in ihrem Mensch-Sein stärken. Dazu bedarf es einer bunten Palette
von Fähigkeiten: zu fühlen, zuzuhören, sich zurückzuhalten, Kontakt
knüpfen, im Mittelpunkt stehen, sich zurücknehmen, lachen, tauschen,
träumen, streiten, teilen, beachten, abschalten, Angst spüren, Mut,
beobachten, auf jemanden zu gehen, Spannungen aushalten, und die
zigtausend anderen Dinge die aber immer nur zur rechten Zeit, im
richtigen Augenblick, eben dann, wenn es darauf ankommt, eine Fähigkeit
darstellen.
Kinder lernen oft viele, manchmal hundert Fähigkeiten in der Woche,
manchmal verändert sich für die kleinen Menschen dadurch die ganze
Welt, ohne dass es irgendwer bemerkt oder beobachtet... Manche Erzieher
und Eltern sind so auf die Schule fixiert, und sehen nur die Defizite,
die bis dahin noch überwunden werden müssen, um ein guter Schüler zu
werden. Sie lieben nicht das Kind, sondern die Vorstellung dessen, was
ihr Kind werden soll. Die Trennlinie zwischen einer
entwicklungsbegleitenden Pädagogik und einer schulvorbereitenden
Erziehung muss deutlicher gezogen werden. Es sind grundverschiedene
Dinge. In einem Kindergarten, der sich am christlichen Menschenbild und
/ oder dem Situationsorientierten Ansatz orientiert, wird die
Persönlichkeit des einzelnen Kindes immer im Mittelpunkt des
pädagogischen Handelns stehen, und pädagogisches Handeln heißt vor
allem Beobachten und Verhaltensspielraum ermöglichen.
In der Pädagogik der italienischen Region heißt es "das
Kind hat hundert Sprachen, aber 99 davon verlernt es wieder."
Lassen wir doch den Kindern den natürlichen Zeitraum, ihre Fähigkeiten
zu entwickeln, helfen wir ihnen als Entwicklungsbegleiter bei den
Fähigkeiten, zu denen sie alleine keinen Zugang finden und beginnen wir
endlich von den 100 Sprachen des Kindes zu lernen, als ihnen 99 Sprachen
als Preis dafür zu nehmen, dass die Kinder sich schon ein Jahr zu früh
der Schule anpassen können.
Es ist für alle Kinder bedeutsamer
"lebensfähig" als "schulfertig" zu sein.
Ziel des Seminars "Entfaltung von Fähigkeiten" ist es, die
eigene Beobachtung zu schulen, um zu entdecken welche Fähigkeiten ein
Kind aktuell benötigt um lebensfähig und autonom zu sein. Dabei ist es
genauso wichtig die bereits gut gelebten Fähigkeiten zu erkennen. Viele
Fähigkeiten werden nämlich schnell übersehen, sobald eine Fähigkeit
(noch) nicht gelebt werden kann. Die Gefahr ist groß, dass sich Eltern
und pädagogische Mitarbeiterinnen vorschnell auf die Lücke bei den
kindlichen Fähigkeiten fixieren und auf der Suche nach Defiziten und
Verhaltensauffälligkeiten den Fähigkeiten des Kindes noch mehr Raum
wegnehmen.
In solchen Situationen die gelebten Fähigkeiten zu beachten, um die
Persönlichkeit des Kindes zu stärken, und gleichzeitig methodische
Hilfen zur Entfaltung der nichtgelebten Fähigkeiten zu geben, ist mit
einfachen methodischen Schritten und natürlich viel Übung möglich.
Insbesondere Projekte bieten die Chance, dass solche Lernprozesse
"ganz nebenbei" im kindlichen Spiel ermöglicht werden.
Pädagogische Mitarbeiterinnen in Kindertagesstätten können als
Entwicklungs-Begleiterinnen viel bewirken. Dennoch werden sie immer
wieder an Grenzen der eigenen Möglichkeiten stoßen. Bei
offensichtlichen Entwicklungsverzögerungen oder auffälligen Symptomen,
die auch durch aktivieren der Fähigkeiten nicht gelöst werden können,
ist selbstverständ- lich auch die Beratung der Fachdienste einzuholen.